Wenn eine Rede „un-dialogisch“ ist, dann ist es eine schlechte Rede. Eine gute Rede bezieht Erwartungen, Meinungen, Befindlichkeiten im Publikum mit ein und bereitet Argumenten und Ideen in der Gedankenwelt der Zuhörerinnen und Zuhörer den Boden. Damit ist die Rede auch eines der wirksamsten Führungsinstrumente, gerade dann, wenn Menschen sich mit einschneidenden Veränderungen konfrontiert sehen. Es sind aber nicht nur Zeiten des Umbruchs, die inspirierende Reden erfordern. Wo immer Entscheidungen nicht einfach autoritär verordnet werden können oder sollen, wo immer Entscheidungen breiter Zustimmung und Akzeptanz bedürfen, braucht es Rednerinnen und Redner, die mit der Kraft der Worte überzeugen.
Was können Reden bewirken – und wie wirken sie?
Gute Reden können Orientierung geben, Zuversicht vermitteln, Trost spenden, Begeisterung wecken, Veränderungsbereitschaft mobilisieren und Zusammenhalt stiften. Sie können Ängste in Hoffnungen und Enttäuschungen in Zukunftsträume verwandeln. Sie wirken im besten Sinne verführerisch, wenn sie zur Auseinandersetzung mit Argumenten und zum Perspektivenwechsel anregen – und im schlechtesten Fall manipulativ, wenn sie irrationale Ängste schüren oder niedere Instinkte bedienen.
Welche Verantwortung leitet sich daraus für Redner ab?
Ich glaube, es wäre fatal, würde man die Kraft der Worte denen überlassen, die damit manipulieren – die die Redefreiheit missbrauchen, um gegen Andersdenkende zu hetzen und gegen demokratischen Errungenschaften zu agitieren. Jeder Redner, jede Rednerin sollte sich deshalb bewusst sein, dass schlecht vorbereitete, unverständliche, von Phrasen und Fachbegriffen durchsetzte Reden Steilvorlagen für Populisten sind. Wenn Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft, Medien oder Wissenschaft abgehoben und lebensfremd über die Köpfe der Zuhörer hinweg monologisieren, bestätigt das alle Vorurteile, die Populisten gegen die so genannten „Eliten“ schüren, und macht populistische Parolen umso anziehender. Das Bemühen, vom Publikum verstanden zu werden, ist deshalb der wichtigste Anspruch, den ein Redner, eine Rednerin an sich selbst stellen sollte. Das ist keineswegs banal, denn es setzt in gewisser Weise ein „Zuhören“ des Redners voraus: Aufmerksamkeit, Zugewandtheit dem Publikum gegenüber, vor allem aber die Auseinandersetzung mit den Standpunkten derer, die man überzeugen möchte.
Wie ehrlich muss ein Redner sein, auch wenn seine Botschaft eigentlich keine Positive ist?
Ich würde dem Redner die Gegenfrage stellen: Können Sie es sich wirklich leisten, nicht ehrlich zu sein? Können Sie es sich leisten, eine Chance zu verschenken, um für Veränderungen zu werben und Vertrauen zu gewinnen? Klar, wer in schwierigen Situationen die Karten offen auf den Tisch legt, riskiert etwas und macht sich angreifbar. Deshalb verschanzen sich viele Rednerinnen und Redner in solchen Situationen hinter gestanzten Phrasen und unverständlichem Fachkauderwelsch. Aber auch diese Entscheidung hat ihren Preis: Sie offenbart Führungsschwäche und zementiert den Status quo.